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Vici Hohmann

Riesenbärenklau und anderes Verbrechen auf dummem Eis

Die Festung Europa ist im Aufbau. Täglich wächst ihr organisierter Schutzpanzer um Eindringlinge fernzuhalten – denn die Zinnen und Kohlen locken. Damit der Panzer weitere Speckgürtel bekommt, heißt es: hübsch ordentlich den schwarzen Kontinent ausbeuten, denn da ist nicht nur schwarzes Gold zu holen, sondern alles was der gemeine Industriestaatler für seinen gepflegten Sonntagsstaat mit weißer Weste im weißen Westen braucht. Und damit es auch ein ausgewogenes Nehmen und Geben ist, nimmt der wilde Westler – und auch der ominöse Ostler – nicht nur, sondern gibt auch jede Menge und zwar Müll aller Art, damit Afrika auch mal nachzieht, mit der coolen Trashkultur. Kein Wunder, dass da die Erde die Schnauze voll hat. Und kein Wunder, dass Mutter Natur eingreift, um uns tobende Menschenkinder ein bisschen zu bändigen und uns auf negative Auswirkungen positivistischer Egomanie hinzuweisen. Und auch darauf, dass über die eigene Natur nachsinnen bei völliger Vernachlässigung der Sinne, ein der Natur und der Natur der Dinge Nahe- kommen nicht gerade einfacher wird.

Was macht die schlaue Mutter? Sie sagt`s durch die Blume. Sie schickt Blumenboten und Botenstoffe. Die wandern aus fernen Ländern ein, beantragen kein Asyl, kümmern sich nicht um Einwanderungsgesetze. Die wachsen und blühen wie es ihnen passt, und wie unverschämt ist das! – beschwert sich der Sonntagsstaatler – Pfui, diese Neophyten, dieses invasive Gesocks! Also blüht ihnen auch was, ist doch logo. Die nehmen schließlich der heimischen Flora die Arbeitsplätze weg! Unmöglich dieser Riesenbärenklau, diese Ambrosia, dieses Springkraut und die ganzen anderen ausländischen Hallodris. Die haben plötzlich die besten Standorte und Plätze an der Sonne. Unerhört! Warum sind wir nicht darauf gekommen, uns auf Industriebrachen, an Stadträndern, an Straßen und kranken Bachläufen breit zu machen. Hätten wir geahnt, dass man da Geschäfte machen kann, die florieren… Da ist plötzlich alles so belebt von emsigen Bienchen und allerlei Insekten und die quadratisch-praktische, immer pünktlich gemähte Rasenfläche vor der eigenen Tür versauert. Dabei sind dort endlich dank Triclopyr alle unartigen Unkräuter vernichtet. Diese Biester wie Brennessel, Hirtentäschel, Wegerich, Löwenzahn, Beinwell, Sauerampfer, Labkraut, Wilde Möhre, Giersch, Gänseblümchen, Besenginster, Wildrosen, Erika, Bärenklau, Kerbel, Schafgarbe. Endlich sind wir diese wichtigen, teils wichtigsten Heilpflanzen und Wildkräuter-Gemüse unserer Breiten los und haben einen eigenen Rasenplatz.

Aber warum bleiben jetzt das Fußvolk und die Laufkundschaft aus. Und vor allem: die fruchtbringenden Bienchen. Die parasitären Pflanzenpflegel sind doch jetzt dank toxischer Pflegestufe hinüber – und apropos: da könnten sich die Altenheime auch mal ein Beispiel nehmen… Aber: nix da! Plötzlich keimt und sprosst überall an Stadträndern dieses Wegelagererpack aus fernen Ländern. Die gehören nicht hierher. Die haben hier nichts zu suchen. Die sollen wieder dahin verschwinden, wo sie hergekommen sind. Da wird jetzt eine Nachbarschaftsinteressengemeinschaft gegründet, punkt. Diese fremden Gewächse ohne Aufenthaltsgenehmigung gehören abgeschoren. Die sind ungebildet, verstehen unsere Vegetationssprache nicht und haben nichts Nützliches an sich. Also zückt den Unkrautvernichter, ob  auf der Heide, im Beet oder im Buchenwald. Geht auf alles los, was ihr nicht kennt. Zeigt kein Mitleid und senkt den grünen Daumen.

Nachdem wir die einheimische Urvegetation zusehends ausrotten, ist es nur natürlich, dass ihre Verwandten aus fernen Ländern einreisen um ihnen zur Hilfe zu eilen und jene, die schon länger unbemerkt hier sind, rettend eingreifen.

Ist doch klar. Wer würde das an ihrer Statt nicht so machen? Da stellt sich der Riesenbärenklau, großer Bruder des Wiesen-Bärenklau, schützend in den Weg. Vor allem an Bachläufen und an Straßen steht er, um seinen Verwandten und auch dem Wasser weitere Vergewaltigungen seitens unserer Spezies zu ersparen. Da macht sich Ambrosia, die Tante des hiesigen Beifuß breit. So energisch ist sie, dass sie allergische Reaktionen hervorruft – wie jede Tante die einen reizt und mit deren tatsächlichem Charakter man sich nicht auseinandersetzen möchte. Da wuchert die kanadische Goldrute, zähe Schwester der echten Goldrute, auf Schuttplätzen und Kahlschlagwunden – und stellt ihre Heilkräfte auf kargem Grund kostenlos zur Verfügung – während sie tapfer die Kosten für ihre Mühen erträgt, denn wir zahlen es ihr heim.

Genau wie alle Neophyten die ihren gejagten und missachteten Verwandten unter die Arme greifen, steht die Goldrute – anders als ihr Name missverständlich zum Ausdruck bringt – in friedlicher Flower-Power-Manier ihren Mann. Und anstatt dass bei uns Menschlein mal der Groschen fällt, (und nicht schon wieder ein Redwood), und wir anfangen Verständnis für unseren Heimatplaneten zu entwickeln und unserer Lebensgrundlage Respekt zu zollen, kontrollieren wir die Zollgrenzen strenger und beobachten Aktienkurse. Wir sollten definitiv mehr pflanzliche Drogen konsumieren und mit einem Tässchen Kamillen-Tee für die überreizten Nerven beginnen.

Geisteskrank stellen wir Gartenzaun-Borderliner uns hin und erklären Heilkräuter, Nutz- und Nahrungspflanzen für lebensunwertes Leben. Wir diskriminieren die Natur. Wir erfinden Vernichtungsmittel um Pflanzenrassen auszurotten. Wir veranstalten Blumen-Massaker und bekommen dafür Ehrenurkunden vom Amt für Naturschutz. Flora und Fauna sind unsere Erzfeinde- Erbfeinde sowieso, auf die wir allergisch reagieren. Darum gehören sie ab auf den Sondermüll und mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Schließlich geht um unser Blut und unseren Boden, verdammte Hacke.

Wie verdunkelt sind unsere Zivilisations-Brillen eigentlich? Vielleicht sollten wir mal den Rußfilter wechseln. Überall sehen wir Feindbilder. Vielleicht liegt`s auch an einseitiger Ernährung auf Grund von Monokulturen. Wobei einseitige geistige Nahrung, oft monotheistisch geprägt, auch ihren Teil an Balken ins Augen schiebt. Im Garten Eden gibt`s nun mal alles. Und alles hat Grund, Sinn und Zweck. Und wem das nicht passt, der sollte hier nicht weiter auf die Erdnüsse gehen, sondern per Anhalter die nächste Marssonde nehmen – denn solchen Ignoranten gehört der Riegel vorgeschoben.