pflanzenfressen
Vici Hohmann

Pflanzenfressen

Die Pflanzen haben neuerdings die Schnauze voll von Lichtnahrung. Sie haben umgestellt, auf Fleischfressen. Mensch bevorzugt. Vom letzten Drive-in in den Regenwald ist niemand zurückgekehrt. Auch nicht vom Feldbett im Kornfeld. Im Vorgarten verwest das angenagte Raucherbein des Postboten. Dem muss man vorbeugen. Wenn ich das Haus verlasse, trage ich darum neuerdings immer eine Kettensäge bei mir. Man kann nie wissen. Obwohl sie die hungrige Allee ums Eck bereits in Späne zerlegt haben. Doch ist heutzutage nicht einmal mehr den Rosen zu trauen, geschweige dem Löwenzahn am Straßenrand.

Angefangen hat es an einem Samstag bei Fleurop. Erst schien es sich um eine Ausnahmemutation zu handeln. Doch weit gefehlt: Ein Virus hat sich der Flora bemächtigt, die Welt an einem Morgen umgestülpt. Seither verlasse ich das Haus nur selten. Strecke nur dann und wann den Kopf an die Luft oder presse ihn an die schützenden Glasscheiben des Hauses, um Licht zu tanken. Genehmige mir später ein Glas Wasser. Ein Glück, dass die Leitung noch läuft.

„Der blaue Planet färbt sich zusehends rot“, flüstern Lippenblütler zwischen den Gängen im Beet und lächeln dämonisch.

Ganz plötzlich hat es sich verbreitet. Von Tag zu Tag gesteigert. Bis selbst die Krauseminze aus dem Teeglas ihre Trinkerin angriff. Ein Kopfsalat den Schädel eines Kochs zerriss. Tomatensträucher ihren Gießer filetierten. Schlagzeile folgte Schlagzeile. Bis keine Zeitung mehr in Druck ging, da die Bäume metzelten. Anfänglich erschlugen sie nur einige Holzfäller. Dann zerrten sie die ersten Wanderer an ihre Wurzeln, begannen sie Stück für Stück zu zersetzen. Fetzen von Kleidung bedecken nun Waldböden und Parks. Es stinkt zum Himmeln, in Stadt und Land. Leichengeruch streift durch die Gärten wie einst süße, wohlbekannte Düfte.

Selbst die Möbel sind mittlerweile zur Bedrohung geworden. Saugen sich an der Haut fest wie Blutegel. Der Zedernholztisch, der Mahagonischrank, die Eichenholzstühle. Meine Haut ist rot und wund, trotz der Wachstücher und Plastikplanen mit denen ich mich vor ihren Übergriffen zu schützen suche.

„Wir zahlen es euch heim, wir zahlen es euch heim“, fährt weltweit durch die Luft wie dumpfes Donnergrollen. Der Feind ist überall. In meinem Leinenhemd, dem Bettgestell, in jeder Diele, Tür und jeder Seite meines Buchregals. Selbst ein Bleistift hat mich gestern gebissen. Nun trage ich Putzhandschuhe, ganz gelb und grob – doch anders als Leder oder Wolle – aus Material das nicht den Appetit der Umwelt weckt.

Die Gier des Grünzeugs ist unermesslich. Zählten wir kürzlich noch über 7 Milliarden Menschen, so ist die Zahl bereits um die Hälfte reduziert. So hungrig sind Blumen, Sträucher, Forste. Damit Blut genug für alle Pflanzen bleibt, rollt nun die Käfighaltung dicker Menschen an, die mittels Mästung rasch an Umfang wachsen.

Ich weinte, als man meine Eltern aß. Ich hörte, schuld sei eine Horde Löwenmäulchen. Auch meine Kinder, meinen Mann verschlang bereits der grüne Terror – auf einem Waldweg, noch als keiner glauben wollte wie die Dinge stehen. An meinen Fenstern rankt sich schon das Laub des wilden Weins empor. Und auch der Efeu kriecht bereits auf meiner Schwelle – erwartet meinen unbedachten Schritt vor eine Tür, die keine Gnade kennt.

 

Nie hätte ich erwogen, dass einmal Fleischeslust auf diese Weise Ende säen würde.

Nun wird es still auf Erden, bis auf ein Geräusch:

Das Schmatzen von Milliarden Pflanzen füllt die Atmosphäre.

Es klingt zufrieden, dieses rege Kauen,

das Rülpsen, Schlucken, Würgen in den Wiesen.

Fast als sei Harmonie nun endlich

global Alltäglichkeit irdischer Gründe.