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Vici Hohmann

Hüttenzauber

„Stille Nacht! Heilige Nacht!

Alles schläft. Einsam wacht nur…“ – Ja, wer nur? Das traute hochheilige Paar Merkel und Netanjahu kommt adventlich zusammen, speist und trinkt, erinnert sich an vergangene Greueltaten und redet das Heute schön. Siedlungspolitik ist schließlich seit gut 70 Jahren kein Thema mehr in Deutschland, das geht uns nix an, genauso wenig wie Israel sich in ein NPD-Verbot einmischt. Jedem das Seine.

Mursi murkst sich Ägypten zurecht. Der syrische Schlächter ist endgültig übergeschnappt und jetzt auch noch auf Chemie. Korea-Kim kriegt von Böllern nicht genug, genau wie sein Papa. Wenn das Sylvester Stallone gewesen wäre, gäb`s da Brot statt Böller und bombiges Entertainment – aber so… Das wahre Leben ist nun mal real rocky Horror.

Um Fukushima her hat die verstrahlte Bevölkerung aufs neue Grund japanisch zu werden – aber Gehorsam wird größer geschrieben. Die Erde bebt – aber immerhin dreht sie sich gleichzeitig auch noch. Das ist das Wesentliche. Obama singt Weihnachtslieder, dank genug Stimmen. Pussy Putin gibt Gas – und hat auch sonst jede Menge Asse im Ärmel. Brasilien holzt ab was das Zeug hält, um endlich eine demokratische Monokultur zu werden.

Wenden wir den Blick gen Osten blendet uns das gelbe Licht. Ansonsten äußert man sich zu China besser nicht, dass haben wir allmählich kapiert. Sonst bekommt man keinen Nobelpreis.

Weiterhin: Abzug aus Afghanistan – gar nicht so einfach, wenn dauernd Abzüge gedrückt werden. Der Iran hält sich in der Beziehung hoffentlich zurück. –  Die Türkei versucht Konflikte zu begrenzen, die Griechen kriechen, die Spanier sind ebenfalls pleite, nur die Fußballvereine haben Kohle. Es wackelt hier, es reißt da ein – und: Schwupps, gilt es wieder ein Haushaltsloch zu stopfen! Europa muss irgendwie Eins bleiben, aber: klappt schon! 2012 ist ja bald vorbei und 13 eine Glückszahl! Jenseits der europäischen Festung hat der schwarze Kontinent Pech, wie immer. Aber: Kein Ding, solange wir uns da alle weiterhin bedienen können…! Onkel Toms Hütte haben wir schließlich längst aufgekauft.

Und sonst? Wie steht`s in Indien? Widersprüchlich, weiß der Geier. Fort- und Rückschritt gehen da Hand in Hand. Aber wenigstens bleibt es ein Ort, wo Kühe keine Angst vor Buletten haben müssen.

Und der Rest der Welt? Keine Ahnung. Geht uns im Grunde ja auch nichts an. Wirklich wichtig ist jetzt der Weihnachtsurlaub. Gott sei Dank! Dann sitzen wir daheim, in himmlischer Ruh`, und freuen uns auf das Geflügel zum Fest. Wir freuen uns auf den neuen Schlitten und auf den schonungslosen Baum. Und dann schmettern wir unser „O Tannenbaum“ in Gedenken an Amazonien, dass wir mittlerweile für einen online-store halten in dem wir unsere Weihnachtsgeschenke bestellt haben. – Nein, soweit ist es zum Glück noch nicht. Wir haben schließlich unser googlemaps auf dem Smartphone und man kennt unseren Standpunkt. Und überhaupt: solange wir noch ohne Roboterarm swypen können, kann es so schlimm nicht sein.

Die Kerzen wachsen und wir können uns die Welt schön singen. Wir können eine Flasche Champagner unter dem Christbaum entkorken und auf unseren aktuellen Sonnengott und Lichtbringer anstoßen, den wir alle paar Jahrhunderte oder Jahrtausende umtaufen und uns umsaufen. Der Weltenbaum im Wohnzimmer glitzert dazu im Lichterglanz und die Erde bekommt bald darauf einen neuen Jahresring. Der Schnee bedeckt das Vergangene und das Neue ist im Anmarsch. Mag auch einiges im Argen liegen, solange wir was im Magen haben bei dem Wetter, verdauen wir Frost und Frust. Wir schmieden Vorsätze fürs neue Jahr – und wenn´s taut, schreiten wir zur Tat – oder auch nicht.

Es ist alles wie immer. Die Welt ist, wie üblich, aus den Fugen. Wir krabbeln, wie Milliarden vor und neben uns, auf ihr unseres Weges. In unserer vollkommenen Einzigartigkeit genießen wir die freien Tage, beißen genüsslich in unseren Lebkuchen und überlegen uns, welchen Unterschied wir machen. Wir besuchen die Familie und lachen und streiten. Schön! Auf dass es noch lange so weitergeht und wir uns nicht überweihnächtigen! Vor allem: Mögen einschneiende Erlebnisse unser Ideenreichtum für`s frohe Neue mehren.