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Vici Hohmann

Heute in der U-Bahn. Peace Train

Ich wusste gar nicht, dass Recep Tayyip Erdogan U-Bahn fährt. Schon gar nicht in Berlin. Tut er aber. Um den Wählern seine Bodenständigkeit zu beweisen. Obwohl er Stimmen gar nicht nötig hat. Anders als Hillary Clinton.

Jedenfalls: Da sitzt doch heute – oder träume ich – Erdogan in der U-Bahn. Umzingelt von einem Pulk Polizisten und Leibwächtern. Die komplette Sitzreihe zu seinen Seiten, die von einer U-Bahn Tür zur anderen reicht, ist frei. Klar, Erdogan braucht Platz. Außerdem will er auch mit gar niemanden die Sitzbank teilen. Ich quetsche mich also mit anderen Fahrgästen im Türbereich zusammen. Bei den anderen Fahrgästen handelt es sich, wie ich feststelle, um deutsch-türkische Berliner Kurden. Sie tragen Transparente. Ich kann sie leider nicht lesen. Schade, dass es da keine App gibt. Doch. Halt. Eins ist auf Deutsch: „Solidarität mit dem Widerstand der Kurdenmiliz YPG gegen den IS“. Ich fühle mich nicht ganz wohl. Aber auch nicht unwohl. Jedenfalls ist es besser als auf der anderen Seite im Türeingang  zu stehen.

Da wimmelt es nämlich von deutsch-türkischen Berliner Nationalisten. Vorzugsweise Frauen. Also eigentlich von Nationalistinnen. Ich frage mich, ob bei Frauen exzessives Groupie-Verhalten bei Politik Pop Stars generell ausgeprägter ist als bei Männern. Beantworte mir die Frage im gleichen Augenblick selbst anhand der Feststellung, dass unaufgeklärte Frauen fortpflanzungsbedingt gerne den Potentesten für sich wählen. Oder zumindest denjenigen, den sie dafür halten. Warum nicht zur Abwechslung mal dank gesundem Menschenverstand den Intelligentesten? Oder den Großherzigsten? Aber Großherzoge sind out.

Unter den Groupies tummeln sich auch einige kleine Patriarchen. Die auch größer werden wollen. Alle tragen türkische Flaggen. Manche Groupies haben sie sich auch als bodenlangen Rock umgewickelt, eine Frau trägt die Flagge als Schultertuch, ebenso zwei Herren. Das beunruhigt mich. Denn die EM hat noch gar nicht begonnen. Rufe von der dunklen Seite des Halbmondes schallen herüber. Ich verstehe kein Wort. (App?! Hallo Entwickler!) Versuche aus Erdogans Mine abzulesen, um was es sich handeln könnte. Er schaut neutral bis griesgrämig-entschlossen. Sein übliches Politik-Poker-Face. Jetzt verkündet von drüben eine Übersetzerin die Belange der Osmanischen Reich – Anhänger. Danke. Da denkt jemand mit. „Parlamente sind keine Gerichte! Es war kein Völkermord!“ Das ist ja wie samstags zur besten Einkaufsbummel-Zeit auf dem Potsdamer Platz. Die Kurden um mich her schert das nicht. Anders ein etwa vier Jähriges Mädchen. Es hat offensichtlich seine Mutter im Tumult verloren und wendet sich hilfesuchend an meine Hosenbeine. Das Mädchen trägt einen Button an der Brust. Darauf steht: „Armenierin“.

Das ist mir zu viel und kommt mir wirklich auch zu bekannt vor. Ich will einfach nur noch zur Arbeit. Genervt steige ich an der nächsten Haltestelle aus. Erdogan braust mit seinem Problemzug davon. Unwillkürlich muss ich an die Modelleisenbahn von Horst Seehofer denken. Ich weiß auch nicht, warum. Mächtige Männer und Züge sind mir vermutlich grundsätzlich suspekt. Ein deutsches Trauma.

Ich stehe am Gleis. Die Digitalanzeige kündigt die nächsten U-Bahnen an. In 12 Minuten: U1 Lobby  Regierungsviertel. Kurzzug hält vorne. Und: Peace Train. Bahn fällt aus.

Na, toll. Ich entscheide mich zu laufen. Da höre ich ein zartes Stimmchen unter mir. Es ist das Mädchen mit dem Button. Es muss mit meinen Hosenbeinen ausgestiegen sein. Auch das noch. Ich beschließe das Kind auf dem Weg in der Kita des Deutschen Bundestages abzusetzen. Die ist hübsch. Da kann die Kleine vom Fenster aus den Touri-Schiffen auf der Spree zuschauen. Und Beziehungen knüpfen, für später. Ich hoffe das es klappt, mit der Integration. Nicht nur für sie.