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Vici Hohmann

Heute in der U-Bahn. Heimat.

Die Beine zappeln. Immer wenn die Bahn bremst und die Türen sich öffnen. Es könnte ja. Aber kein Kontrolleur steigt ein. Ich lese. Aber die zappelnden Beine bringen mich wieder raus. Ein Satz, zwei, eine halbe Seite und. Zappeln. Ich schaue auf, aus dem Fenster, streife mein Gegenüber. Ein junger Schwarzer. Ich will ihn nicht anstarren. Nicht, dass er denkt. Starre stattdessen wieder in mein Buch. Die Bahn bremst. Die Beine zappeln. Aber nicht mehr so stark.

Aha, denke ich. Nur noch wenige Stationen bis zum Görli. Da will er hin. Garantiert. Wohin sonst. Bleibt nicht viel, auf der Strecke. Ich wünsche ihm, dass kein Kontrolleur kommt. Wieder bremst die Bahn. Kein Kontrolleur. Dafür ein Musiker. Osteuropäer, vielleicht vom Balkan. Musikbox plus Geige. Typisch, was Klassisches. Air von Bach.

Ach. Der Musiker spielt gar nicht mal schlecht. Sogar ganz gut. Im Wagon ist es plötzlich sonnig. Ich muss unwillkürlich lächeln. Das Leben kann schön sein, auch in Miniatur. Ich merke, dass meinem Gegenüber die Melodie gleichfalls gefällt. Frage mich, ob er Bachs Air kennt. Oder ist das zu europäisch. Tradiertes wirkt auf mich.

Die Bahn bremst. Die Beine zucken kaum merklich. Nur noch zaghafter Fluchtimpuls, so kurz vor dem Ziel. Ich muss raus. Werfe im Aufstehen einen Blick auf mein Gegenüber. Lächele, weil der Wagon so hell ist. Augen treffen sich. Begegnung. Nie habe ich so viel Wehmut in so jungen Augen gesehen. Bewegtheit. Dann schließen sich Türen hinter mir.

Ich bin da. In einer Welt, in die ich geboren wurde. Alles ist mir vertraut. Die Vegetation, die Menschen, das Wetter. Ich sehe Heimat. Durch fremde Augen. Bach hallt in mir wieder. Was für ein europäischer Resonanzkörper ich bin.