Wirklichkeit
Vici Hohmann

Gedanken zum Geist der Zeit – Ein Plädoyer für den Dialog

Der Zahn der Zeit nagt an der Materie. Mal verbissen, mal im Dämmerzustand – dann wieder aufgeklärt. Wir spuken als Schatten – manchmal auch als Schatten unserer selbst – in den speicheldurchtränkten Backentaschen ihrer Mundhöhle. Je nachdem was für ein Frühstück oder Abendmahl das Leben uns auftischt, schmeckt es oder kotzt es uns an. Manchmal ist alles im Speichelfluss. Manchmal beklemmen Kirschkerne. Blombardements und bohrenden Fragen werfen uns täglich in den Ring mit der Sinngebung. Doch mit geballten Fäusten lässt sich der Zeit kaum auf den Zahn fühlen.

Die Zähne der Zeit knirschen und malmen. Sie rotieren wie ein gigantisches Zahnräderwerk. Man ist dankbar für Lücken, die Brückenbau ermöglichen. Der Zahnarzt ist tot. Auch der Kieferorthopäde. Wir sind dem losen Mundwerk der Ewigkeit ausgeliefert. Wie eine Pizza. Nein, dieses Bild nehme ich zurück. Pizza sind wir nicht. Ich wische das Whiteboard mit Mundwasser blank und skizziere neu: die Zeit hat nur einen Zahn. Er ist golden, wie ein goldenes Zeitalter, das in einem Goldankauf-Laden schlummert. Eine Mundhöhle existiert nicht. Darum sind wir keine Schatten. Darum wissen wir gar nicht, was wir sind.

Die Zeit hat außer ihrem Goldzahn nur eine riesige Zunge – keine Speiseröhre, kein Zäpfchen, keine Nebenhöhlen – nichts was sonst irgendwie an ihr dran wäre. Zahn und Zunge schweben im Nichts. Nein, auch nicht im Nichts. Sie sind einfach da, ich weiß nicht wo. Sie sind, weil sie Zeitgestalten sind. Zahn und Zunge sind Zeit, in die sich Räume falten und entfalten – und wir uns in ihnen. Faltung und Entfaltung geschieht, weil es einen Puls gibt, einen Odem, der Bewegung pustet – auch in uns. Wir pusten zurück, in Wellen, als Echo…

…Wieder verendet der Gedankengang. Jetzt steht mir Narziss im Weg. Nicht nur ein globales Massenphänomen, sondern auch Todesurteil für dieses Bild. Ich belasse es als Strandgut am Wellensaum meiner Vorstellungen. Der Zeitgeist lässt sich erspüren, wie eine Strömung. Der Geist der Zeit hingegen, ist eine windige Angelegenheit. Kaum fassbar. Weil ich nur eine Zeit kenne und nur einen Raum. Vielleicht mehr Zeiten als eine, wenn ich die Erinnerung dazu zähle. Vielleicht mehr als einen Raum, wenn ich dem Träumen traue. Vielleicht noch mehr Zeiten, wenn ich das Träumen anerkenne. Auch das Empfinden. Vielleicht noch mehr Räume, wenn ich das Denken betrachte.

Wir haben nur Worte für das, was wir kennen. Wir können nur erkennen, was wir benennen können. Darum dürfen wir das Streben nach neuen Bildern, nach Unbekanntem, nach Phantastischem nicht aufgeben. Weil wir mit unserer Sprache unseren Horizont festlegen. Träumen ist also erforderlich. Spinnen produziert bewusstseinserweiterndes Garn. Das weltweite Netz wächst mit anfänglich scheinbarem Unsinn, der sich zu Sinn verdichtet.

Wenn ich es mir recht überlege – ich bleibe bei diesem Bild: Die Zeit ist eine gigantische Zunge. Und ein Zahn. Der Zahn ist da für das Spannungsverhältnis. Ohne ihn langweilt sich das innere Auge. Es braucht eine treibende Kraft. Der Zahn ist golden, wie alles Vergängliche und Verlängliche. Die Zunge spricht – in unendlich vielen Zungen. Wir steuern Worte bei. Du, du, du, ich. Erwachsende. Solange wir das Irrationale nicht verurteilen und das Fremde. Solange wir mit Hilfe von Langeweile und Geistesblitzen Breschen in alltägliche Gewohnheitseinöde schlagen. Vom Leben als unserem persönlichen Abenteuer überzeugt. Wenn wir uns Zeiten und Räumen öffnen. Damit sie uns in Retour neue Begriffe entdecken, um uns selbst zu begreifen.

Die Zeit ist ein treibender Zahn, der unsere Umtriebigkeit, teils schmerzvoll, schürt. Und sie ist eine Zunge und ihre Sprache Schöpfung. Das Gespräch, das sie mit uns führt, kann uns Selbsterkenntnis bringen. Das Gespräch ist ein schöpferischer Akt. Vielleicht der schöpferischste Akt, weil nur formuliertes Bewusstsein sich als  neue Vokabel in Zeit und Raum verankern kann. Die Gabe des Gesprächs wäre demnach Basis der Evolution. Wir können das Gespräch also gar nicht oft genug suchen und finden. Denn so hauchen wir dem Zeitgeist unsere Bilder ein. Solange es sich nicht um einen leeren Chat-Raum handelt.