busen
Vici Hohmann

Frischfleisch

„Werben Sie an Laternen.“ So lautet der stadtweite Slogan baumelnder Banner an diversen Leuchten. Selbstverständlich an Größeren und Kleineren. Aber ist das eine sinnvolle Werbefläche? Eine Laterne? Im Schatten der Nacht sicherlich – allerdings nicht unbedingt für Plakate, sondern mehr für Prostituierte. Den Lichtkegel nutzen, um im Scheinwerferlicht zu stehen und mit hohen Absätzen Umsatz zu machen. Das ist effizientes Werben an Laternen. Sparleuchten vor großen Toren haben heute nicht nur Besuch von Sparleuchten und großen Toren, sondern auch von Sparschweinen, die für eine verschleppte Osteuropäerin nicht mehr als einen Zwanni springen lassen wollen. Hierzulande verschleppt man üblicherweise höchstens mal eine Grippe – alles andere: unvorstellbar. Von wegen! Deutschland ist das neue Thailand. Wenn es auf dem planet mal zu lonely wird – ab ins german nightlife.


Da trottet Mann nächtens das Trottoir entlang
und erwählt sich bequem eine Stiefelette und danach einen Hot dog. Ist Mann Single oder nervt die Alte, kauft Mann sich eine Neue. Nach dem Motto: Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne und unten, naja. Aber Mann geht nicht nur mit seiner Laterne, sondern vor allem in die Kellerbar. Da gibt`s nämlich noch viel mehr Rapimmel, Rabammel, Rabumms. Da wimmelt es von scheinheiligen Martins und würgenden Jürgens. Die finden ihn geil, den Sklavenhandel. Die scheißen auf Menschenwürde. Für die zählt nur ein Geschlecht und das ist ihr eigenes.

In Schweden und Norwegen ist Freiertum strafbar, weil es nichts mit Freiheit zu tun hat. Fast in ganz Westeuropa ist Zuhälterei verboten. Aber in Deutschland ist alles möglich. All you can fuck für nen Hunni am Tag. Flatrate Sex mit Alice. Und Tanja. Und Olga. In deutschen Bordellen gehen Männerträume in Erfüllung. Schöner war es nur im Arbeitslager. Aber die haben wir ja nicht mehr. Außerdem klingt Wellness-Oase viel hübscher. Und dort herinnen teilt man das Arbeitslager – so bleibt es wenigstens auf eine Weise erhalten. Männer aus dem Ausland unternehmen Wochenendtrips zu Wochenendstrips in deutsche Frauenlager. Herrlich! Und dazu Whiskey, Cognac und Rummachen. Sind Kondome und Titten zur genüge vollgespritzt, hat die Geringverdienerin ihre Schuldigkeit getan.

Die Chinesen haben es da wesentlich schwerer mit ihren Männlichkeitsritualen. Da die 1-Kind-Ehe einen Männerüberschuss erzeugt hat, müssen die chinesischen Herren der Schöpfung vor Ort mit Gummipuppen vorlieb nehmen. Aber es bleibt ja Deutschland für eine Strip – und Dippvisite. Dennoch:
China können nur die Schwulen retten. Ob in der Horizontalen oder der Vertikalen. In zwanzig Jahren wird China ein riesiger Gay-Club sein, voll mit Drag-Queens und Designermöbeln.Teehäuser werden dann wieder wie kunstvoll gefaltete Papierblumen aus dem Boden schießen und Kim und Long werden als Gheisas gedressed Tee servieren. Lee und Minh werden ihre Kochshow haben und Hong & Co ihren Hipster-Fahrradladen. China wird zur friedlichen und feierfreudigen Idylle mit Regenbogendrachenkostümen zum CSD. Es wird das Land der Stäbchen und auch wieder das des Lächelns. Und da können sich dann alle verklemmten Europäer ein Beispiel nehmen, anstatt die günstigste Afrikanerin in rheinischer Pascha-Manier.

Mit der Sexualmoral in Deutschland geht es wahrlich nicht bergauf. Generation Porno vögelt sich in die Therapie, die niemals stattfindet. Religion, Opium und andere Drogen leisten das Ihre. Es gibt jede Menge Apple vom Baum der Erkenntnis – und? Fördert das irgendeine oder gar die zwischenmenschliche Kommunikation?  Wir teilen und teilen mit – aber was denn? Wir teilen uns tot. Zombie-world. Zombie trade. Wir sind alle Prostituierte auf einem lonely und gleichzeitig overcrowded planet. Wir teilen alle ein riesiges Lager. Wir verkaufen uns und andere – für dumm sowieso. Wir sind alle scheißcool und arschgeil. Wir schieben Nummern und Nummern und immer mehr Nummern umher. Wir vergewaltigen alles, uns inbegriffen.

Das in Europa die Arbeit allmählich verdampft, ist vielleicht die größte Chance die wir haben, um uns zu besinnen. „Besinnen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Sonst bringt uns nichts aus der Kellerbar. Ich gehe mit meiner Laterne-App und meine Laterne-App mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir – schön wär`s.