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Vici Hohmann

Heute in der U-Bahn. Dunkel.

Seit ich beschlossen habe U-Bahn Geschichten zu schreiben, bieten die Berliner Verkehrsbetriebe Anlass um Anlass. Immer schon gab es allerhand zu berichten. Aber nun stehen auch Spezialeffekte auf dem Programm.

So sitze ich ohne große Erwartungen in der Bahn, denn solche legt man als Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel für gewöhnlich ab. Ich sitze also da, in umnachtender Alltäglichkeit, und plötzlich passiert es. Was? Ja, das weiß ich im ersten Moment auch nicht genau. Ich sitze, die Bahn holpert überirdisch vor sich hin. Taucht dann ein, in den Leib der Stadt. Und: mit einem Schlag ist es dunkel. Niemand im Wagon starrt sich an. Das geht gar nicht. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Trotzdem oder auch deshalb: Grabesstille. Kein Mucks. Aber keine Panik. Nur enorme Irritation.

Zehn Uhr dreißig. Alle sind noch im Halbschlaf. An sich angenehm, dass das Licht aus ist. Das muss der Wagenführer offenbar gespürt haben. Genau wie er das Stationen-durchsagen weglässt. Man lernt allerhand über Berufsbilder in der Praxis.

Es ist stockdunkel. Die Bahn saust durch den Tunnel wie eine Geisterbahn. Man kann leider  niemanden bitten das Licht anzuknipsen. Dass man das nicht kann, fällt erst jetzt auf. An viele Dinge im Leben denkt man einfach nicht, weil sie zu naheliegend sind.

Die Bahn zuckelt ihre Schiene entlang. Da: ein Lichtschacht. Und noch einer. Und wieder Finsternis. Wie lang so eine Strecke von Station zu Station sein kann. Wie privat es plötzlich im Wagon wird. Nein, keiner fängt an zu fummeln. Dafür ist es nicht eng genug. Auch kein Langfinger mit Infrarotblick ist unterwegs. So infrarot könnte der auch gar nicht blicken. Im Wagon verbreitet sich mehr so eine Art Klassenfahrtatmosphäre. Alle sind herausgerissen. Wie auch immer geartete Normalität ade.

Kein elektrisches Licht markiert mehr öffentlichen Raum. Dass es das tut, fällt erst auf, wenn es aus ist. Der Raum ist jetzt undefiniert. Auch sinnlicher. Eine Wagenladung Embryonen, vielleicht erst  Spermien, floated durch den Unterleib der Stadt. Territorium, das sich beim Abtauchen an der Schwelle zur Unterwelt in tatsächlichen Raum verwandelt hat. Im Überraschungsmoment, der ans Jetzt ausliefert.

Ewig driften wir. Situation, sonst nichts. Dann: Licht. Der nächste U-Bahnhof. Auch Licht in der Bahn. Der Wagenführer hat geschaltet. Neonröhren blenden bandwurmdick von der Decke. Überwachende Helligkeit kreist ein. Auge um Auge wird wieder Motto.

Ich finde mich vor. Ferne Menschen steigen ein, die keine Ahnung haben von der Ruhe im Schoß der Stadt. Ich sitze noch ein wenig, hebe mich dann auf und steige um.