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Vici Hohmann

„Im Café“, Erzählung, 2016.

„Im Café“, eine Erzählung von Victoria Hohmann, 2016. 

 

Auf der Schwelle des Kaffeehauses entglitt Herrn W. die Zeit jedes Mal. Das dunkle Holz des Raums raunte von fernen Jahrzehnten. Welt entrollte sich beim Betreten des roten Läufers im Eingang. Das Draußen blieb vor der Glastür angeleint, vergeblich nach dem Herrchen kläffend. Und dann war da sie. Wie jeden Freitagnachmittag. Hinter der breiten Theke mit dem gurgelnden Kaffeeautomaten und den verschlafenen Zapfhähnen. Eingerahmt zwischen Kuchen und duftendem Gebäck tanzte und hantierte sie. Wirbelnd und doch als in sich ruhendes Zentrum des Geschehens.

Sie hatte ihn schon beim Hineinkommen erspäht, grüßte mit besonderer Aufmerksamkeit wie sie es bei Stammgästen zu tun pflegte. Er grüßte zurück. Versuchte dabei geschäftig zu wirken. Wie einer, der lediglich einkehrt, um die arbeitsreiche Woche ausklingen zu lassen. Zufrieden stellte er fest, dass sein Lieblingstisch am Fenster frei war. Von dort genoss man eine gleichermaßen gute Sicht auf Theke und Straße. Jeden Freitagnachmittag saß Herr W. dort, trank einen schwarzen Kaffee, aß eine süße Kleinigkeit und sah den vorbeitreibenden Menschen zu. Hin und wieder strich sein Blick wie zufällig zum Tresen hinüber oder folgte der Kellnerin durch den klingenden Raum an die Tische.

Mit zielgerichteten Schritten steuerte Herr W. auch an diesem Freitag auf den üblichen Tisch zu, hängte seinen Mantel über den einen Stuhl, legte seine Laptoptasche wie gewohnt auf die äußerste Kante der Tischfläche und machte es sich selbst auf seinem angestammten Platz bequem. Genüsslich begann er, die bereitliegende Menu-Karte zu studieren als sei sie ihm völlig unbekannt. Ritual, zu dem er sich stets hinreißen ließ, auf das er Wert legte, um den Freitag in all seinen vertrauten Bahnen, Winkeln, Kurven auszukosten. Die Buchstaben wimmelten hinter dem harten Plastikfilm des Menus durcheinander. Nahmen dann Stellung an, um sich ihm anzubieten. W. griff eine wohlbekannte Reihe heraus, legte sie sich bereit wie jeden Freitagnachmittag. Am Nebentisch lachte eine Gruppe Mädchen, warf die Köpfe in den Nacken. Volle rote Lippen stülpten sich über dunkles Tischflächenholz, blubbernde heiße Quellen zerplatzten in hellen Silben.

W. beugte sich rasch nach einer Gruppe Buchstaben. Sah sie aufmerksam an wie er es bei der Präsentationstechnik gelernt hatte. Sie war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Dann räusperte e sich. Heute würde er es wagen. Drei Monate waren ins Land gestrichen, das Quartal zu Ende. Nun hieß es Bilanz ziehen. Prüfen, ob die Kalkulation aufgegangen war. Herr W. sah zu der Bedienung hinüber, die hinter dem Thekenschrein Pirouetten drehte. Sein Herz schlug so laut, dass es ihm unbegreiflich war wie die Mädchen am Nebentisch sich ungestört weiter unterhalten konnten. Er spürte wie sich ihre Münder bewegten, ohne dass er etwas verstand. Ihre Oberkörper wippten in seinen Augenwinkeln. Herr W. versuchte sich zu konzentrieren. Er memorierte Entspannungstechniken, atmete in den Bauch. Sein Hemd wölbte sich über seinem einwandfrei rasierten Nabel. W. nahm den Deodorantgeruch war, den er in der Bürotoilette aufgefrischt hatte. Pünktlich auf Strich 16:00 Uhr hatte er die Firma verlassen. Er unterhielt ein gespaltenes Verhältnis zu der Uhr im Eingang des Gebäudes. Schwarz auf Weiß zeigte sie ihm seit sieben Jahren an wie seine Zeit verstrich. Heute waren ihm die Zeiger ausnahmsweise offene Schranke gewesen.

W. ließ den Blick durch das Café schweifen. Geschmückt mit bunten Rücken und Gesichtern, von unbestimmter Festlichkeit berauscht, hallten die Wände wieder. Im Schatten der Stimmen drang ein Lied aus den Ecken des Raumes zu ihm. Mit einem Tusch schälte es sich aus dem Tumult. Es erzählte von einer Frau im Norden und einem Mann, der sich fragte, ob sie einen warmen Mantel gegen den Wind habe. Das Lied peitschte Herrn W. um die Ohren. Irritiert von der eigenen Emotionalität sah er aus dem Fenster. Er musste daran denken, wie er als Junge von dem Hund in der Wildnis gelesen hatte. Wie er davon geträumt hatte auf Abenteuer zu gehen, sich zu beweisen. In seinen Träumen hatte er immer gesiegt. In dem Alter hatte er Buden gebaut, mit Freunden, im Wald. Sie hatten sich gemessen: wer am höchsten klettern kann, wer über die breiteste Stelle des Baches springen kann, wer der Stärkste ist, der Längste, der Schnellste. Sein Sohn maß sich nur noch virtuell. Mittels Spielekonsolen, Apps, in sozialen Netzwerken, die Herrn W. selbst gleichermaßen überforderten wie anstrengten. Wenn er den Sohn alle zwei Wochen bei seiner Mutter abholte, die den Vater des Kindes übersah als wolle sie die Nacht wett machen in der sie es nicht getan hatte, stand immer das Display zwischen ihnen. Immer gab es neue Fotos, neue Videos, neue Fremdheiten, die Herr W. geduldig ertrug. Er verschwieg seinem Sohn, welche Genugtuung er selbst empfand, wenn er am Freitagnachmittag seinen Computer nach getaner Arbeit herunterfuhr. Verschwieg, wie er es schon mittwochs, manchmal bereits montagmittags herbeisehnte, sich unter Menschen zu mischen, die nicht nur telefonierten, mailten, zu Videokonferenzen eilten, sondern einander ins Gesicht sahen und sich, wenn auch unwillkürlich, berührten.

Herr W. sah zu der Kellnerin herüber. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und ließ einen Kaffee aus dem Automaten. Der Automat zischte, spie aus. Die Schöne ließ sich davon nicht beeindrucken. Herr W. strich ihren Nacken entlang, berührte das hochgesteckte Haar – behutsam, nur mit den Fingerspitzen. Als habe sie etwas bemerkt, wandte die Kellnerin sich um. Ertappt senkte der Mann den Blick in die Karte. Er blätterte. Blätterte noch einmal und blätterte dann zurück, weil er bereits auf der letzten Seite angekommen war. Er starrte auf die Karte. Zögerte es heraus sie zuzuklappen. Denn er wusste: Sobald er es tat, würde die Bedienung zu ihm herüber kommen. Wie auf den Pfiff einer hohen Pfeife hin, die Hunde zum Umkehren zwingt, sie an die Seite ihres Meisters ruft. Mitunter aus Loyalität, Freundschaft, vielleicht auch nur, um das eigene Überleben zu sichern.

Kaffee, schwarz, würde sie fragen, nur um sicher zu gehen, ob alles seine Ordnung habe. Ja, würde W. nicken. Dann würde sie ihm das heutige Kuchenangebot aufsagen, das kaum variierte: Waldfruchttarte, Karottennusskuchen, Himbeertraum, Apfelstrudel mit und ohne Gedicht. Zu Beginn war Herr W. aufgestanden, um sich vor dem Glas der Auslage ein Bild zu machen. Später war er sitzengeblieben. Hatte das Aufsagen verkürzt, spontan einen Namen aus ihren Reimen herausgegriffen, der ihn an die Zartheit ihrer Haut denken ließ, ihre geröteten Wangen oder die Farbe ihres Haars. Beflissen hatte sie stets auf ihr Display getippt. Bestellung aufgegeben. Sendebestätigung. Verfolgen sie ihre Lieferung. Jeden ihrer Schritte. In besten Händen.

Herr W. legte die Karte mit einem Ruck auf den Tisch. Die Kellnerin stand immer noch mit dem Rücken zu ihm. Wandte sich dann einem Gast zu, der an die Kuchenauslage getreten war. W. hob die Hand. Die Kellnerin bemerkte ihn nicht. Sagte stattdessen etwas. Das Gedicht, dachte Herr W. Ungeduldig wartete er darauf, dass ihr Blick durch den Raum gleiten werde. Sie tat ihm den Gefallen nicht, versenkt sich stattdessen in ihre Strophen. Die Anbetung des fremden Gastes vor dem Glas ärgerte Herrn W. Er hob die Hand erneut. Trotz bewusster Vergeblichkeit. Die Mädchen am Nebentisch beugten sich kichernd zueinander. W.  bezog es auf sich. Den Raum. Der unversehens in einen gnadenlosen Feierabendverkehr geraten war. Windmühleninvasion.

W. versuchte seiner Gedanken Herr zu werden. Er wollte sich auf die Worte besinnen, die er seit Langem mit sich herum trug. Worte, über denen er Woche um Woche gebrütet und zu denen er sich endlich entschlossen hatte. Doch der Raum ließ es nicht zu. Rücksichtslos bebte und lärmte er, knirschte und bäumte sich auf. Herr W. holte Luft. Vor dem Fenster rannten Menschen in unterschiedliche Richtungen wie von unsichtbaren Fäden gezogen. W. schwenkte um. Fasste den Tresen ins Auge, die Linsen scharf wie Kameraobjektive. Close up von breiten Fingern, die auf Mohnkuchen deuten. Mohnkuchen. Heute zum ersten Mal im Sortiment. Greifen sie zu, meine Damen und Herren. Mohnkuchen. Die neue Spezialität, heute zum Sonder-Probier-Sparpreis. Wer hat noch nicht, wer will nochmal. Mohnkuchenfelder. Für immer für sie. Betäubende Schönheit. Soweit das Auge reicht. Schlitzt sich am Horizont auf. Aus der Schlaf. Meine Damen und Herren. Kosten sie einen Traum. Nur heute, nur jetzt, nur hier.

Der Gast sagte etwas. Die Bedienung stockte, dann lachte sie. Herr W. beobachtete wie sie ein Stück Kuchen auf einen Teller schob. Er überlegte, ob er ihre Ignoranz auf die leichte Schulter nehmen sollte, sich eine Zeitung holen, bis sie sich auf ihn besinnen würde. Er entschied sich dagegen. Stattdessen stand Herr W. plötzlich auf und ging auf den Tresen zu. Dabei fixierte er die Kuchen in der Auslage, um keine Zweifel an seinen Absichten aufkommen zu lassen. Die Kellnerin richtete unterdessen das Tablett für den Gast her und vollendete ihr Werk just in dem Moment als W. den Raum durchmessen hatte. Sie sah ihm entgegen. Hallo, sagte sie. Und, wie es gehe. Er grüße sie. W. lächelte geschult von einem zum anderen. Platzierte sich breitschultrig neben dem fremden Gast vor der Kuchenauslage. Bei seinem Konkurrenten handelte es sich um einen jungen Mann von Werbeplakat-Optik.

Kundengespräch in Raum 17 A. Keine Verlegenheitspausen. Smalltalk in drei, zwei, eins. Klagen könne, aber dürfe man ja nicht. Blick zum Nachbar seitens W. Keine Reaktion. Gegen die Wand: Das Wetter. Heiter bis wolkig. So ein Nichts von Himmel. Aber was erzähle ich Ihnen. Immer noch keine Reaktion des Jungen. Hallodri. Selbstverliebt. Unterirdisch. Dagegen: Sie. Über alle Maßen. Allem Vergleichbaren entwachsen. Wie hat sie das nur hinbekommen. Diese Haarsträhne, sich so keck hinter ihrem Ohr ringelnd. Das Ohr so. Knusprig. Ihre Kuchenauslage ist meine. Ausgezeichnet sähe das aus. Ob da nicht was Neues. Ha, ha. Er halluziniere nur. Eine schlechte Angewohnheit. Nirgendwo Mohn, aber. Was das denn. Ach, heute Blaubeer- und kein Himbeertraum. Wunderbar. Dann sei die Sache ja geritzt. –

Jetzt. Jetzt musste er es tun. Jetzt wollte er es tun. Warum schob der andere Typ nicht ab. Was stand der weiter hier herum. Kaum hatte W. das gedacht, öffnete sich der Kiefer seines Gegenübers. Zermalmte krümelnd Moleküle.

„Dann bis gleich Tina-Schatz.“

Im ewigen Eis nahm der Andere seinen Kuchenteller und trollte sich zu seiner Feuerstelle mit Tisch und anderen jungen Männern. Männer, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Zehn Jahre jünger als W. Vielleicht auch zwanzig. Männer, im besten Alter für die Jagd. Wie sie meinten. Wie er meinte. Er, W. Irgendwann einmal gemeint hatte. In einem anderen Leben. Einem Land der Vorzeit. Als noch irgendetwas Ursprüngliches zu spüren war, in seinen Knochen. Er wollte es sich wiederholen. Die Zeit schrie vorbei. Er schritt voran. In immer mehr Zurückgelassenes. Immer mehr Gewicht. Es entbehrte jeder Logik. Nein, war sie. Diese Ratio, diese Funktionalität, dieses Aufgereihte. Gebete von Protest- und Subkultur. Nichts als Notlügen im Mainstream. Er, W., fürchtete nicht die Wunden, er fürchtete die Narben.

Der Hund schleppte sich durch Eis und Schnee, Tannennacht, zu Blockhütten. Erinnerung, in Gegenwart gegossen zu tumorartigem Dickicht mutiert. Hinter den Worten Eis und Schnee, hinter Tannennacht und Blockhüten verbarg sich doch einst eine ganz andere Wirklichkeit. Ein Junge reiste dort auf einem Schlitten durch eine unbekannte Welt. Sie war hart und doch schön. Wie die Eiszapfen an der Regenrinne, die er verbotenerweise lutschte. Damals, in den Tagen als er das Schlittenfahren entdeckte. Noch bevor er den Hund traf, in einer Handvoll Papier. – Wann das war. Das konnte doch nicht hier gewesen sein. Stand er noch auf derselben Erde.

Blaubeertraum, fragte Tina.

Ja, sagte der Mann, Herr W., der gerne seinen Namen verraten hätte. Ihr. Nur ihr.

Ob sie heute Abend schon etwas vorhabe? Er fragte es trotzdem. Fragte gegen das Schneetreiben an. Weil er wusste, dass man seine Chancen nutzen musste. Dass man an seine Grenzen gehen musste und manchmal auch darüber hinaus. Das hatte der Hund ihn gelehrt.

Die Bedienung starrte ihn an. Aus der Blaubeertraum. Sie musste gar nichts sagen.

Sorry, sagte sie trotzdem.

Das gerade war ihr Freund, nicht wahr. – W. blickte die Kellnerin an, die Tina hieß. Tina nickte und manövrierte ein Stück Blaubeertraum auf einen Teller. – Da habe er sich ja ganz schön ins Fettnäpfchen. Er dachte nur. Vielleicht. Ha, ha. Ob sie es ihm nachsehe?

Sie stellte ihm den Kuchenteller vor die Nase. Einen Kaffee dazu, schwarz?

Ja. Gerne.

Und: Kein Problem. Er solle sich nicht. Sie fühle sich geschmeichelt, zwinker, zwinker. Den Kaffee bringe sie gleich. Er könne ruhig schon.

Herr W. trug den Blaubeertraum zu seinem Tisch. An den jungen Hunden vorbei. Die noch nichts wussten. Weil ein Mann zu laut aus den Boxen in den Ecken des Raums von einer Frau sang. Es war nicht mehr die Frau aus dem Norden von vorhin. Aber vielleicht doch. Vielleicht sagte der Sänger es nur nicht explizit, meinte aber sie. W. war sich nicht sicher.

Er setzte sich auf den Stuhl, der seit drei Monaten sein Platz gewesen war. Das Quartal war vorbei. Nun: Die Abrechnung. Oder mehr: Die Zwischenbilanz. Das Jahr war doch noch jung. Tat zumindest so. Jedes Jahr hielt sich für DAS Jahr. Weil die Geburt so gefeiert wurde, als kenne man das Kommende nicht. Orakel wurden geworfen. Zeigte sich die goldene Strähne, so mikroskopisch klein sie auch sein mochte. Nahm das Jahr nicht bloß unter seine Fittiche, sondern brachte auch groß heraus. Es war doch Zeit. Es war Zeit. Es konnte doch nicht ewig. –

Es konnte.

Tina brachte den Kaffee. Er war schwarz und dampfte. Er war so schwarz gegen das Weiß der Tasse.

Bitteschön, sagte Tina und stellte den Kaffee neben den Teller mit dem Blaubeertraum.

Dankeschön, sagte der Mann, der sich Herr W. nannte, draußen, wenn er gefragt wurde.

Tina sah ihn mit anderen Augen an und Herr W. wusste, dass dies das letzte Stück Kuchen sein würde das er in diesem Café aß. Er überlegte kurz, ob er es tatsächlich essen sollte oder einfach alles stehen und liegen lassen. Aber er dachte an den Hund. Er wusste, dass er sich durchbeißen musste. Und sei es durch einen Blaubeertraum. Darum nahm er die Kuchengabel zur Hand und stach zu. Er durchstieß die Blaubeercreme, den dunklen Kuchenboden. Konzentriert führte er die Gabel zum Mund und kaute. Er beachtete Tina nicht, die bereits wieder in ihre Routine abgetaucht war. Herr W. kaute. Der Blaubeertraum schmeckte besser als erwartet. W. nahm einen Schluck schwarzen Kaffee aus der weißen Tasse dazu. Der Kaffee war sehr heiß, fast zu heiß. Herr W. kostete den Schmerz aus, dann löschte er mit einem Bissen Blaubeertraum. W. aß gemächlich. Als wäre es neben dem letzten auch das erste Stück Kuchen, das er in diesem Café aß. Er schaute durch die Scheibe in den Freitagnachmittag. Menschenströme vor der Glasfront. Niemand kümmerte sich. W. überlegte wie es wäre, die vierte Wand zu durchbrechen

(splitterndes Glas, Rauschen und Reißen von Papier)

und dem Leser in die Augen zu sehen. Der dann plötzlich irritiert innehalten würde, vielleicht blinzeln, weil die Buchstaben sich anarchisch zwischen Sehnerv und Gehirn in Fleisch und Blut verwandeln. Der Leser sitzt unversehens mit Herrn W. im Café. Sitzt ihm gegenüber, etwas unbequem, weil Herrn W.s Mantel sich auf der Stuhllehne so breit macht. Der Leser  rückt den Mantel zurecht, um bequemer zu sitzen. Er schiebt auch den Laptop auf dem Tisch zurecht, um mehr Platz zu haben und die Ellbogen aufstützen zu können.

Warum isst du denn jetzt diesen scheiß Kuchen, fragt der Leser. Er ist empört. Zwäng dir doch den Mist nicht runter, egal ob er schmeckt. Das war doch jetzt peinlich und bescheuert, auch nichtig, auch nicht, aber egal. Jetzt steh auf, W., nimm deinen Mantel und geh. – Ok, ok, zahl vielleicht noch zwischendurch. Oder auch nicht. Verhaftet dich schon niemand, wenn du die Autorin nett bittest.

Nö, sagt Herr W., sieht den Leser nicht an und kaut weiter seinen Kuchen.

Was soll das denn? Der Leser ist genervt. Du hast doch Wichtigeres zu tun als jetzt diesen blöden Blaubeerkuchen zu essen. Kümmere dich lieber mal um deinen Sohn. Oder auch um diese Frau, seine Mutter. Wer ist das überhaupt? Wurde überhaupt nicht richtig eingeführt, nur so nebenbei eingeworfen. Plump, völlig plump, wie ein Kiesel.

Weißt du was, sagt W. darauf, bestell du dir doch lieber mal einen Kaffee und stress hier nicht so herum. Entspann dich. Komm mal zu dir. Es ist schließlich Freitagnachmittag.

Der Leser ist jetzt noch empörter. Er will. Am liebsten aus der Haut. Aber zwingt sich zur Ruhe. Durchatmen. Seufzer. Der Leser will mehr von W. wissen. Ihn im Kern erwischen, packen. Er ist gierig. Protokoll her. Doch, wo anfangen?

Verbringst du das Wochenende mit deinem Sohn?

Nein. Nicht dieses.

Warum nicht?

Ich weiß nicht. Ich habe noch gar nichts Bestimmtes vor. Herr W. kaut Blaubeertraum. Er ist fast zu Ende.

Tina steht gerade am Tisch bei ihrem Freund und seinen Kumpeln. Sie scherzen. Einige schauen mehr als indiskret herüber. Sie scheinen den Leser nicht zu bemerken, beäugen nur höhnisch den Mann, der Herr W. ist.

Kommst du dir nicht lächerlich vor? Der Leser betrachtet Herrn W. von allen Seiten.

Nein, sagt der und schiebt sich das letzte Stück Blaubeertraum in den Mund. Herr W. kaut, spült mit Kaffee nach. Kaffeesatz hat sich am Boden der Tasse gesammelt. W. schaut hinein. Soll ich dir die Zukunft lesen, fragt er den Leser.

Wie willst du mir denn. Doch nicht ernsthaft. Jetzt hör aber auf. Jetzt hört doch alles.

Pass auf, sagt Herr W. und verwandelt sich unversehens in den Satz seines Kaffees.

Das ist doch nicht meine Zukunft. Der Leser lacht. Lacht auf und höher. Das ist ja ein schlechter Witz. Ich bin doch nicht Herr W. Wir haben doch nichts gemein. Vielleicht ein bisschen was, aber insgesamt. Das hat ja jetzt nichts mit mir und meiner persönlichen Zukunft. Oder. Aber. Außerdem: Pah, das ist ja nicht einmal Geschlechtskompatibel. Obwohl. Das ist ja ein fließender. Aber: Nanu. Der Leser, der eine Leserin ist und doch ein Leser, sieht sich erstaunt im Café um. Über die komische Aktion von Herrn W., hat er den Rest seiner Umgebung gänzlich aus dem Blick verloren.

Das Café ist plötzlich leer. Die Musik ist verstummt. Alle Personen sind verschwunden. Alle Tische sind verlassen. Nein, halt. Halt. Da ist Tina. Sie ist die Einzige, die übrig geblieben ist. Sie steht hinter der Theke und sieht den Leser an. Sie sieht ihn lange an, ohne sich zu rühren. Als habe sie etwas ganz Sonderbares entdeckt. Dann deutet sie mit einem Lächeln auf die Kaffeetassen, die sich immer noch auf den Tischen im Raum befinden. Sie schaut hin. Schaut von Tasse zu Tasse. Ohne die Tassen zu zählen oder die Löffel auf den Untersetzern. Schließlich trifft ihr Blick die Tasse von Herrn W. Tina hält inne. Und wird dann flüssig, nein, durchsichtig, nein, wellenförmig. Eine der großen Lautsprecherboxen in der äußersten Ecke des Raumes saugt sie ein. Als sei sie eine rückwärtslaufende Melodie.

Kaum ist sie verschwunden, kehrt sie sich um. Erbricht sich aus dem Lautsprecher. Nein. Verströmt sich.

Ein Lied erklingt. Es ist schön. Der Leser kennt es schon. Es ist das Lied von der Frau im Norden und dem Mann, der sich fragt, ob sie einen warmen Mantel hat. Nein, vertan, es ist ein anderes Lied. Es hört sich nur ähnlich an. Zum Verwechseln ähnlich, die ersten Takte. Der Leser erkennt das Lied trotzdem. Er erhebt sich und geht langsam von Tisch zu Tisch, um aus den Kaffeesätzen zu lesen.

(Die Regieanweisungen enden. Kaffeepause.)