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Vici Hohmann

Heute in der U-Bahn. Zaunkönigin.

Ein Stimmchen. Gegen die Wände des Nachmittags. Zaghafte Zaunkönigin. Entschuldigung. Entschuldigen Sie, dass ich störe. Entschuldigen Sie, dass ich spreche. Entschuldigen Sie mich. Eine zarte Kindfrau in grobem Kapuzenpullover, vom Draußen in die U-Bahn geweht. Blicke weichen ihr aus. Vielleicht nur, um das Röslein nicht gänzlich zu brechen. Der letzte Knabe wird kommen, so viel ist sicher. Der wird ihr Leben nehmen, weil er es braucht, um das scheiß Level auf dem er gerade herumkriecht zu meistern.

Einen Mann mit Mitleid hat die Kindfrau nie gekannt. Das ist unüberhörbar. Da hilft kein Sträuben, Schreien. Ausgestreckte Beine machen Platz. Um sich zu entziehen. Als Unberührbare huscht das Vöglein im Zick Zack entlang Ungerührtheit markierender Pflastersteine. Eins, Zwei, Fünf. Hüpfkästchen jenseits jeglicher Himmel und Höllen. Im Hohlraum einer Gesichte, die von Anfang an scharfkantig war. Sich dann mehr und mehr verlor. Die Zaunkönigin singt dennoch. Zwangsläufig. Schließlich erschöpft an einem der Ausgänge angelangt. Sich stützend. Sie singt jetzt in ihrer Sprache. Ist es Rumänisch, oder doch Russisch? Durchsichtig leiser Singsang. Gebetsmühlenklang. Wiegenlied für ein auf den Tod erkranktes Kind.

Manchmal fallen Vogelkinder aus dem Nest. Wegen der Elstern oder der Krähen. Manchmal auch so. Man soll sie nicht anfassen, weil die Mütter sie sonst nicht mehr annehmen. Außerdem kann es sein, dass sie Brüche haben oder innere Blutungen. Wie Verkehrsopfer.

Die Natur ist grausam. Sie trifft uns.

So viele Königinnen auf der Welt. Orchestrale Flut. Rauschende Federkleider in allen Tönen. Allein die Ahnung um solche Schönheit. Wenig verdient den Namen Gebet.