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Vici Hohmann

Heute in der U-Bahn. Artenvielfalt

Es ist stickig. Obwohl die Fenster geöffnet sind. Aber es gibt auch nur vier läppische Klappfenster. Das ist nicht viel für einen ganzen U-Bahn Wagon. Einen alten U-Bahn Wagon, muss hinzugefügt werden. Die Neuen zählen viel mehr Fenster. Das nennt man Erfahrungswerte. Im wahrsten Sinne.

Der alte Wagon ist gefüllt. Nicht übermäßig, aber. Die Welt kommt auf wenigen Quadratmetern zusammen. Würden alle Fahrgäste Namensschilder mit Vermerk der Herkunftsländer tragen, wäre es wie bei einer Tafelrunde der Vereinten Nationen. Volksvertreter und Volksvertreterinnen aus allen Himmelsrichtungen sind präsent. Die Wege von Parallelgesellschaften kreuzen sich. Tätowiert, verschleiert, in Shorts integriert man sich wohl oder übel in einen öffentlichen Raum, der mit abgewetzten Plastiksitzen und grauem Gestänge samt Halteschlingen aufwartet. Funktionales Ambiente soll allgemeine Neutralität fördern – habe ich mal gelesen.

Es ist eng und anstrengend. Irgendwie schaffen es trotzdem alle die notwendige Geduld für das unfreiwillige Miteinander aufzubringen. Auch die notwendige Rücksicht. Man ignoriert sich höflich. Denkt sich seinen Teil. Interagiert gelegentlich notgedrungen. Etwa indem man Platz macht, wenn jemand aussteigen möchte.

Angetrunkene Touristen neben Herr mit Krawatte neben Frau mit Kopftuch neben Frau in Minirock neben Herr in Jabador neben Mama-Africa neben zugepierctem Rockerpärchen neben ausgemergeltem Alt-Hippie neben Studentenhipstern neben dicker Schwitzender neben dürrem Dunkelhäutigem neben blasser Brillenträgerin neben heruntergekommenem Alkoholiker neben Dame mit E-Book neben Jogginganzugträgerin neben untersetztem Südländer neben zarter Asiatin neben parfümiertem Goldkettchenträger neben verschwitztem Handwerker neben altem Herrn mit Tremor neben quengelndem Kleinkind mit genervtem Papa neben Jutebeutelträgerin neben Glatzkopf mit Bullterrier neben Zeitungsleser neben Selbstgesprächeführer neben Telefonierender neben Eingenicktem neben Krimileser neben Schulmädchen neben diskutierenden Spanierinnen neben türkischer Jungensgang neben turtelnden Schwuletten neben artsy-fartsy Bohnenstange mit Pelz bei dem Wetter neben Tierschutzaktivist neben Tür.

Die Aufzählung lässt sich unendlich fortsetzen und an jeder Haltestelle ein wenig variieren. Alltag in der U-Bahn. Ich staune wie so oft Bauklötze. Weil wir das schaffen. Niemand streitet, prügelt sich, schlägt sich tot. Dabei klopft die Gelegenheit an. Hämmert geradezu an die U-Bahn Scheiben. Trotzdem bleiben alle friedlich. Warum? Zu feige? Zu schwach? Zu zu? Nein. Weil die Artenvielfalt in der Nische U-Bahn so groß ist. Alles ist versammelt. Man selbst mittendrin. Unberechenbarkeit wohin man auch blickt. Unmittelbare Lebenserfahrung macht unmittelbar weise. Man will leben und lässt darum leben. Außerdem ist da dieses gemeinsame Grundbedürfnis: Die Bahn soll fahren. Bloß keinen Aufruhr verursachen, bloß keine Verspätung. Sonst muss man es ja noch länger mit den anderen Affen aushalten.

Wir schaffen das. Täglich. Weil wir es können. Yes.

Als Schulfach installiert scheint U-Bahn fahren darum durchaus überdenkenswert. Ebenso als therapeutische Maßnahme für elitäre Chauffeurbesitzer. U-Bahn pro, das neue Medikament für einen gesunden gesellschaftlichen Stoffwechsel.